Einführung in das Agentic Mesh

Vom KI-Agenten zum Agenten-Team

Inhaltsverzeichnis
    Vom KI-Agenten zum Agenten-Team: Einführung in das Agentic Mesh, Deep Dive, Alexander Thamm [at]
    Alexander Thamm [at] 2026

    Fast jedes Unternehmen experimentiert inzwischen mit KI. Es gibt Chatbots, Copilots, interne Wissensassistenten, vielleicht sogar erste agentische Workflows. In den Innovationsabteilungen entstehen beeindruckende Prototypen. Die Demos funktionieren. Die Präsentationen überzeugen. Und trotzdem bleibt oft ein Gefühl der Ernüchterung.

    Denn jenseits einzelner Proof-of-Concepts (PoCs) stellt sich eine unangenehme Frage: Warum entsteht aus den KI-Initiativen kein nachhaltiger, skalierbarer Mehrwert für das gesamte Unternehmen? Die Antwort liegt selten im Modell und auch fast nie im Prompt. Sie liegt in der fehlenden Unternehmensstruktur, die die Transformation hin zum KI-gestützten Businessmodell mit produktiven KI-Agenten tragen kann.

    Dieser Artikel etabliert daher vor allem einen zentralen Gedanken: Die Zukunft von KI im Unternehmen entscheidet sich nicht am eingesetzten KI-Modell. Vielmehr entscheidet sie sich daran, ob Unternehmen es schaffen, aus isolierten KI-Agenten ein orchestriertes System zu bauen. Das meinen wir mit Agentic Mesh. Dieser Artikel liefert eine erste Einführung zu Agentic Mesh, beleuchtet seinen Mehrwert für Unternehmen und erklärt, wie ein Agentic Mesh skalierbar und nachhaltig eingesetzt werden kann. 

    Was ist ein Agentic Mesh?

    Agentic Mesh bechreibt eine übergeordnete organisationelle und technologische Schicht aus spezialisierten KI-Agenten, die über bestehende Daten-, System- und Prozesssilos hinweg zusammenarbeiten. In diesem Sinne ist ein Agentic Mesh also keine einzelne Plattform oder ein ein neues Modell.

    Statt eines zentralen „Company-GPT“, das alles wissen und alles können soll, folgt das Agentic Mesh dem Prinzip der Spezialisierung. Viele fokussierte Agenten übernehmen klar definierte Aufgaben entlang realer Geschäftsprozesse. Sie agieren wie Microservices: abgegrenzt, orchestrierbar, wiederverwendbar. Der entscheidende Unterschied liegt im Maßstab. Während „Agentic AI“ die Autonomie einzelner KI-Agenten beschreibt, adressiert das Agentic Mesh die Vernetzung, Einbettung und Orchestrierung vieler solcher AI Agents auf Unternehmensebene. Es geht also nicht um den intelligenten Assistenten für einen Nutzer, sondern um End-to-End-Wertschöpfung entlang kompletter Prozessketten.

    Das Agentic Mesh Modell, Schaubild, Alexander Thamm [at] 2026
    Alexander Thamm [at] 2026

    Die PoC-Falle: Viele Agenten, kein System 

    Wir beobachten aktuell in vielen Organisationen eine neue Form der Fragmentierung: Fachbereiche bauen eigene KI-Lösungen, IT-Abteilungen testen Plattformen und externe Beratungen liefern spezialisierte Agenten für einzelne Use Cases. Zwar ist technisch bereits vieles möglich, auf organisatorischer Ebene entstehen jedoch neue Herausforderungen. Die Folge: isolierte Lösungen, die weder miteinander sprechen noch entlang echter Geschäftsprozesse orchestriert sind. Daten sind nicht sauber verknüpft, Verantwortlichkeiten unklar, und Governance wird oft erst im Nachgang diskutiert, wenn überhaupt. 

    Einzelne Tools werden eingeführt, aber das zugrunde liegende System bleibt unverändert. Es ist, als würde man ein neues Garagentor einbauen und erwarten, dass damit das ganze Haus modernisiert ist. Genau hier setzt der Gedanke des Agentic Mesh an. 

    Prozess-First statt Model-First 

    Ein zentrales Missverständnis vieler KI-Initiativen liegt in der Herangehensweise. Denn viele beginnen beim Modell, der Technologie, oder mit dem Tool. Ein Agentic Mesh denkt jedoch anders: Es beginnt beim Geschäftsprozess. KI darf nie als isolierte Initiative betrachtet werden, sondern als dauerhafte Fähigkeit des Unternehmens.

    Dazu gehören: 

    • eine klare Vision, wohin sich das Unternehmen entwickeln soll,
    • die explizite Beschreibung von Prozessen,
    • Ownership für Daten- und Agentenprodukte,
    • wiederverwendbare Bausteine statt isolierter Use Cases,
    • kontinuierliche Kommunikation von Erfolgen.

    Entsprechend werden KI-Agenten nicht um ein Foundation Model herum konstruiert, sondern entlang konkreter Abläufe: Angebotsprozesse, Logistikketten, Prüfverfahren, Instandhaltung, Compliance, Marketingkampagnen. Erst wenn klar ist, welche Schritte existieren, welche Entscheidungen getroffen werden und wo Automatisierung echten Mehrwert stiftet, entsteht eine tragfähige agentische Architektur. 

    Das klingt zunächst trivial – ist es aber nicht. In der Praxis sind viele Prozesse historisch gewachsen, implizit oder nur für Zertifizierungszwecke dokumentiert. Ein Agentic Mesh zwingt Unternehmen dazu, ihre eigene operative Realität explizit zu machen. Genau darin liegt bereits ein großer Teil des Werts.

    Ohne Semantik keine Skalierung

    Ein weiteres zentrales Element zum Erfolg vom Agentic Mesh ist die Semantik. Daten existieren heute in vielen unterschiedlichen Systemen: ERP, CRM, IoT-Plattformen, Files, Confluence, Data Warehouses, APIs. Hinzu kommen Normen, Dokumentationen und implizites Fachwissen. Damit KI-Agenten verlässlich agieren können, benötigen sie nicht nur Zugriff auf Daten, sondern ein gemeinsames Bedeutungsmodell. Mit anderen Worten: Sie brauchen eine geteilte Semantik. Eine Enterprise Ontology und ein Knowledge Graph können dabei als semantische Schicht fungieren und Begriffe, Relationen und Kontexte explizit machen.

    Eine solche gemeinsame Semantik ermöglicht es den KI-Agenten, domänenübergreifend zu arbeiten, ohne dass jedes Projekt bei null beginnt. Daten, Modelle und Agenten werden dabei also als wiederverwendbare Produkte gedacht. Metadaten werden zu First-Class Citizens und Governance wird maschinenlesbar. 

    Governance als struktureller Kern

    Daten- und KI Governance sind kein regulatorischer Zusatz, sondern bilden den strukturellen Kern eines Agentic Meshs. 

    Sicherheit, Zugriffskontrolle, Auditierbarkeit und Human-in-the-Loop-Mechanismen dürfen nicht nachgelagert gedacht werden. Ein Agentic Mesh kann nur skalieren, wenn Vertrauen entsteht. Vertrauen wiederum entsteht durch Nachvollziehbarkeit und klare Verantwortlichkeiten. KI-Agenten müssen wissen, was sie dürfen, und was sie nicht dürfen. Sie müssen außerdem Entscheidungen transparent begründen und Aufgaben oder Entscheidungen bei Bedarf an menschliche Mitarbeiter übergeben können. Gleichzeitig müssen Organisationen sicherstellen, dass menschliche Aufsicht jederzeit gewährleistet ist.

    Fazit

    Der Schritt zum Agentic Mesh ist kein einmaliges Projekt, sondern stellt eine organisatorische Transformation dar. Erfolgreich wird dieser Ansatz jedoch nur, wenn er strategisch verankert ist – idealerweise auf Eigentümer- oder Vorstandsebene.

    Außerdem gilt: KI-Agenten erzeugen ihren größten Wert nicht durch einmalige Einsparungen, sondern durch Wiederverwendbarkeit und „Compounding“. Denn ein einmal aufgebauter Wissens- oder Prozessagent kann in vielen Kontexten erneut eingesetzt werden.

    Diesen Beitrag teilen:

    Autor

    Dr. Andreas Kyek

    Andreas ist Senior Principal Data Scientist und seit April 2022 bei [at]. Er hat über 20 Jahre Erfahrung in der Fertigung in der Halbleiter-Industrie und ist Experte für Anomalie-Erkennung und prädiktive Wartung. Spätestens seit Large-Language-Modell verfügbar wurden, beschäftigt er sich mehr und mehr mit Agenten, Datenverarbeitung durch Agenten und insbesondere mit dem Entwurf von Multiagentensystemen - auf Basis einschlägiger Bibliotheken, aber auch „from Scratch“.

    X

    Cookie Freigabe

    Diese Website verwendet notwendige Cookies zur Sicherstellung des Betriebs der Website. Eine Analyse des Nutzerverhaltens durch Dritte findet nicht statt. Detaillierte Informationen über den Einsatz von Cookies finden Sie in unseren Datenschutzerklärung.