Das neue “Clean” im Interface Design

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  • Autor: Dr. Kathrin Guckes
  • Kategorie: Deep Dive
Inhaltsverzeichnis
    Das neue Clean im Interface-Design, hero image, Alexander Thamm [at]
    Alexander Thamm [at] 2026

    Über weite Strecken des vergangenen Jahrzehnts galt „clean interface design“ als Synonym für Flächigkeit, Neutralität und radikale Reduktion. Zwischen etwa 2015 und 2021 einigten sich große Technologieunternehmen zunehmend auf Oberflächen mit minimalem Farbeinsatz, feiner Typografie, dem Verzicht auf Schatten und einer weitgehenden Entfernung visueller Orientierungspunkte. Diese Entwicklung brachte anfangs Klarheit und gute Skalierbarkeit, machte jedoch mit der Zeit deutliche Schwächen in Bedienbarkeit, Barrierefreiheit und Nutzererlebnis sichtbar.

    Inzwischen wird in vielen kreativen Disziplinen neu verhandelt, was „clean“ im Interface-Design eigentlich bedeutet. Auch Designerinnen, Designer und Data Visualization Engineers bei Alexander Thamm [at] beschäftigen sich mit diesem Wandel. Dass große Unternehmen wie Apple, Google, Amazon und Siemens sich dieser Bewegung angeschlossen haben, zeigt, dass diese research-driven Neudefinition bereits die Aufmerksamkeit wichtiger Akteure der Branche auf sich zieht. In der breiteren Öffentlichkeit ist dieser Perspektivwechsel allerdings noch nicht vollständig angekommen.

    Clean wird heute nicht mehr mit Flächigkeit oder visueller Askese gleichgesetzt, sondern mit geringer kognitiver Belastung, klarer Wahrnehmung und emotionalem Komfort. Dieser Artikel untersucht genau diese Neudefinition, verankert sie in Wahrnehmungs- und Kognitionstheorie und veranschaulicht sie anhand zeitgenössischer Designsysteme dieser Unternehmen (Sweller 1988; Norman 2013; Apple HIG).

    Interface-Beispiel

    Zunächst stellen wir zwei Beispiele für flaches, minimalistisches Interface-Design vor, sowie Beispiele für Oberflächen, die der neuen Definition von Clean folgen.

    Zwei Beispiele für flaches Interface-Design (entworfen und umgesetzt von Alexander Thamm [at])
    Abbildung 1: Zwei Beispiele für flaches Interface-Design (entworfen und umgesetzt von Alexander Thamm [at]).
    Drei Beispiele für Schnittstellen nach der Neudefinition von „clean“ (entworfen und implementiert von Alexander Thamm [at])
    Abbildung 2: Drei Beispiele für Schnittstellen nach der Neudefinition von „clean“ (entworfen und implementiert von Alexander Thamm [at]).

    Diese Beispiele sollen den Inhalt des Artikels für die Leserinnen und Leser greifbarer machen. Zugleich veranschaulichen sie, was unter flachem Interface-Design zu verstehen ist und worin sich das neu definierte Verständnis von Clean konkret zeigt.

    Die Grenzen des Flat-Minimalismus (2015–2021)

    Die Welle des Flat Designs zielte auf Abstraktion: Visuelle Tiefe, materielle Anmutungen und dekorative Elemente wurden entfernt, um neutrale, effiziente Oberflächen zu schaffen. Dieser Ansatz setzte jedoch ein hohes Maß an Nutzerkompetenz und Vertrautheit mit gängigen Mustern voraus. Forschungen aus der Mensch-Computer-Interaktion und der Kognitionspsychologie zeigen, dass Nutzer stark auf wahrnehmbare Hinweise wie Tiefe, Kontrast und Bewegung angewiesen sind, um mögliche Handlungen zu erkennen. Fallen diese Hinweise weg, müssen sie sich auf Gedächtnis, Ausprobieren oder erlernte Konventionen verlassen.

    Zu den Problemen, die daraus entstanden, gehörten:

    • geringere Auffindbarkeit interaktiver Elemente
    • erhöhte kognitive Belastung durch uneindeutige Hierarchien
    • Barrieren, insbesondere für Menschen mit visuellen oder motorischen Einschränkungen
    • emotionale Flachheit und ein schwächeres Gefühl von Rückmeldung oder Kontrolle (Apple HIG; Apple WWDC 2024–2025).

    Im Ergebnis wirkten Interfaces zwar visuell aufgeräumt, blieben jedoch in ihrer Wahrnehmbarkeit und Verständlichkeit oft undurchsichtig (Gibson 1979; Sweller 1988; Ware 2013; Norman 2013). 

    Perzeptive Affordanzen und kognitive Klarheit

    Ein zentrales Konzept hinter dem aktuellen Wandel ist die perzeptive Affordanz. Gemeint ist damit, dass Nutzer schon durch das, was sie sehen und wahrnehmen, unmittelbar verstehen sollten, was sie tun können und wie sich eine Oberfläche bedienen lässt.

    Dieses Verständnis knüpft an grundlegende Arbeiten von James J. Gibson und später Don Norman an, die betonen, dass Gebrauchstauglichkeit nicht nur von Funktionalität abhängt, sondern davon, ob Handlungsmöglichkeiten wahrnehmbar sind (Gibson 1979; Norman 2013; Amazon UX Guidelines).

    Grundlegende Theorien zu Wahrnehmung und Kognition aus dem späten 20. Jahrhundert werden durch aktuelle UX-Forschung und groß angelegte Designsysteme weiterhin ausdrücklich bestätigt. Gibsons Affordanztheorie (1979), nach der Handlungsmöglichkeiten für Nutzer wahrnehmbar verfügbar sein müssen, findet sich direkt in moderner UX-Literatur wieder, die sichtbare, materielle und bewegungsbasierte Hinweise betont (Johnson 2020; Nielsen Norman Group 2018–2024).

    Normans Unterscheidung zwischen tatsächlichen und wahrgenommenen Affordanzen (2013) wird heute in Plattformrichtlinien wie den Human Interface Guidelines von Apple umgesetzt, die Interaktivität gezielt über Tiefe, Transparenz und Bewegung codieren, statt sich auf erlernte Konventionen zu verlassen. Swellers Theorie der kognitiven Belastung (1988), insbesondere das Konzept der „extraneous load“ durch schlecht aufbereitete Informationen, spiegelt sich in aktuellen Designempfehlungen wider, die vor minimalistischen Interfaces warnen, die Interpretationsarbeit auf Nutzer verlagern (Yablonski 2020; WCAG 2.2 2023). Auch Wares (2013) Arbeiten zur visuellen Wahrnehmung und präattentiven Verarbeitung finden unmittelbare Anwendung in modernen Designsystemen wie Googles Material Design 3 und Material 3 Expressive, die Farbe, Ebenen und Bewegung wieder stärker einsetzen, um wahrnehmbare Hierarchien herzustellen (Google Material 3). 

    Diese zeitgenössischen Quellen revidieren die ursprünglichen Theorien nicht. Sie bestätigen und institutionalisieren sie unter heutigen technologischen Bedingungen und zeigen, dass übermäßig flache und abstrahierte Interfaces die kognitive Belastung erhöhen und die Klarheit von Affordanzen verringern, während wahrnehmungsbasiertes Design Bedienbarkeit, Barrierefreiheit und Nutzervertrauen im großen Maßstab verbessert.

    Tiefe, Schatten, Transparenz, Farbe und Bewegung sind daher nicht per se dekorativ. Werden sie systematisch eingesetzt,

    • verringern sie den kognitiven Aufwand, indem sie Struktur nach außen verlagern
    • beugen Fehlern vor, indem sie Interaktivität klar kennzeichnen
    • unterstützen Barrierefreiheit durch zusätzliche Hinweise jenseits von Farbe oder Text
    • orientieren sich an realweltlichen Wahrnehmungsmodellen.

    Modernes „clean“ Design führt diese Elemente folglich wieder ein, nicht als Ornament, sondern als semantische Signale (Norman 2013; Ware 2013).

    Apple: Materialität und räumliche Klarheit

    Apples Human Interface Guidelines betonen zunehmend Materialität, Tiefe und räumliche Hierarchien. Jüngere Designrichtungen, oft als „Liquid Glass“ beschrieben, arbeiten mit Transparenz, Unschärfe und geschichteten Flächen, um Interface-Elemente vom Inhalt zu trennen, ohne auf schwere Rahmen oder deckende Panels zurückzugreifen. 
    Zu den zentralen Merkmalen gehören:

    • transluzente Flächen, die Kontext erhalten und zugleich Abgrenzung signalisieren
    • subtile Bewegungen, die räumliche Übergänge nachvollziehbar machen
    • große, gut erreichbare Touchflächen, eingebettet in leichte, materialhafte Strukturen.

    Dieser Ansatz bewahrt den Minimalismus, stellt jedoch wahrnehmbare Affordanzen wieder her. Clean bedeutet im Apple-Kosmos heute ruhig, räumlich verständlich und in der Wahrnehmung verankert.

    Google: Ausdrucksstarke Klarheit durch systematische Signale

    Googles Material Design 3 und Material 3 Expressive stehen für eine parallele, aber eigenständige Antwort. Statt Struktur zu verbergen, wird sie durch Farbe, Form und Bewegung sichtbar gemacht, ohne dabei an Systematik oder Zugänglichkeit zu verlieren.

    Zentrale Prinzipien sind:

    • dynamische Farbsysteme, die Hierarchie und Personalisierung codieren
    • klar unterscheidbare Ebenen und Oberflächen
    • Bewegung als Mittel, um Zustände und Zusammenhänge verständlich zu machen.

    Material 3 geht davon aus, dass Abstraktion ohne erkennbare Signale der Gebrauchstauglichkeit schadet, und setzt deshalb bewusst expressive Elemente ein, um Wiedererkennbarkeit und Vertrauen zu stärken, insbesondere für ein breites, nicht spezialisiertes Publikum.

    Amazon: Funktionale Klarheit im großen Maßstab

    Amazon veröffentlicht keine einheitliche, öffentlich zugängliche Designsprache wie Apple oder Google, doch seine Interfaces spiegeln diese Neudefinition von Clean Design durchgehend wider. Im Mittelpunkt stehen Klarheit, Vertrauen und Effizienz in enormem Maßstab (Amazon Developer UC Guidelines).

    Erkennbare Prinzipien sind:

    • klare visuelle Gruppierung von Aktionen und Informationen
    • zurückhaltender, aber gezielter Einsatz von Farbe und Hervorhebungen
    • deutliche Affordanzen für zentrale Handlungen wie Kaufprozesse und Navigation.

    Amazons Gestaltung zeigt, dass saubere Interfaces Entscheidungsprozesse unter kognitiver Belastung unterstützen müssen und nicht nur visuelle Aufgeräumtheit liefern sollen. 

    Das neue „Clean“

    Der sich abzeichnende Konsens lautet: Clean Design bedeutet nicht das Fehlen visueller Signale, sondern das Fehlen unnötiger kognitiver Anstrengung. Entsprechend zeichnet sich ein cleanes Interface dadurch aus, dass es:

    • Hierarchien unmittelbar wahrnehmbar macht
    • Interaktivität ohne zusätzliche Erklärung erkennen lässt
    • Barrierefreiheit von vornherein mitdenkt
    • ruhig, vertrauenswürdig und reaktionsfähig wirkt
    • Tiefe, Farbe, Transparenz und Bewegung mit semantischer Absicht einsetzt.

    Diese Neudefinition markiert eine Reifung des Interface-Designs. Die Einsicht, dass radikale Abstraktion die Gebrauchstauglichkeit untergräbt und dass wahrnehmungsbasierte Gestaltung für menschorientierte Systeme entscheidend ist, muss sich noch weiterverbreiten.

    Fazit

    Die Abkehr vom ultraflachen Minimalismus ist kein Rückschritt, sondern eine Weiterentwicklung. Apple, Google, Amazon und Siemens zeigen, dass moderne, cleane Interfaces reichhaltig sein können, ohne laut zu wirken, ausdrucksstark, ohne chaotisch zu werden, und reduziert, ohne unverständlich zu bleiben. Clean Design wird nicht länger über visuelle Leere definiert, sondern über wahrnehmbare Klarheit.

    Key Takeaways

    Design / UX-TheseKlassische Quelle (Grundlegend)Moderne Quelle (Bestätigung / Operationalisierung)
    Nutzer erkennen mögliche Handlungen in erster Linie durch Wahrnehmung, nicht durch AnweisungenThe Ecological Approach to Visual Perception (Gibson, 1979)Designing with the Mind in Mind (Johnson, 2020); Usability-Studien der Nielsen Norman Group (2018–2024)
    Das Entfernen visueller Hinweise schwächt die Wahrnehmung von AffordanzenThe Design of Everyday Things (Norman, 2013)Apple Human Interface Guidelines (2023–2025) codieren wahrgenommene Affordanzen über Tiefe, Bewegung und Transparenz
    Flache oder übermäßig abstrahierte Interfaces erhöhen die Abhängigkeit von Gedächtnis und SchlussfolgerungenThe Magical Number Seven, Plus or Minus Two (Miller, 1956)Laws of UX (Yablonski, 2020)
    Schlechte Informationsstruktur erzeugt zusätzliche kognitive BelastungCognitive Load During Problem Solving (Sweller, 1988)WCAG 2.2 (2023); moderne UX-Leitlinien mit Fokus auf Vorhersehbarkeit und Klarheit
    Visuelle Hierarchie wird präattentiv verarbeitetInformation Visualization: Perception for Design (Ware, 2013)Google Material Design 3 / Material 3 Expressive (2021–2025)
    Übertriebener Minimalismus verringert Auffindbarkeit und BarrierefreiheitNorman (2013); Ware (2013)Empirische Befunde der Nielsen Norman Group (2019–2024); WCAG 2.2
    Die Wiedereinführung von Tiefe, Farbe und Bewegung verbessert die Gebrauchstauglichkeit im großen MaßstabGibson (1979); Norman (2013)Apple HIG (2023–2025); Google Material 3 Expressive (2024–2025)
    Moderne Designsysteme bestätigen klassische Theorien, statt sie zu ersetzenGibson; Norman; Sweller; WareApple, Google und Barrierefreiheitsstandards institutionalisieren diese Prinzipien

    Referenzen

    Apple Inc. Human Interface Guidelines (HIG). https://developer.apple.com/design/human-interface-guidelines/

    Apple Inc. WWDC Sessions (2024–2025) on visionOS, UI materials, and system design.

    Google LLC. Material Design 3. https://m3.material.io/

    Google LLC. Material 3 Expressive design documentation and updates.

    Amazon Developer Services. UX Design Guidelines. https://developer.amazon.com/

    Norman, D. A. (2013). The Design of Everyday Things (Revised and Expanded Edition). Basic Books.

    Gibson, J. J. (1979). The Ecological Approach to Visual Perception. Houghton Mifflin.

    Sweller, J. (1988). Cognitive load during problem solving: Effects on learning. Cognitive Science, 12(2), 257–285.

    Ware, C. (2013). Information Visualization: Perception for Design (3rd ed.). Morgan Kaufmann.
     
    Johnson, J. (2020). Designing with the Mind in Mind (2nd ed.). Morgan Kaufmann.
     
    Yablonski, J. (2020). Laws of UX. O’Reilly Media.
     
    Nielsen Norman Group. UX research articles on affordances, flat design, and usability (2018–2024).
     
    World Wide Web Consortium (W3C). (2023). Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.2.

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