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KI im Mittelstand – Potentiale erkennen, Herausforderungen meistern

von | 13. September 2021 | Grundlagen

Künstliche Intelligenz stellt eine wichtige Technologie für die nächste Stufe der Automatisierung dar, denn sie hat das Potenzial, Strukturen und Prozesse in unterschiedlichen Handlungsfeldern tiefgehend zu transformieren.

Doch vor allem im Mittelstand sind sich viele Unternehmen dieses enormen Potenzials noch nicht gänzlich bewusst oder verfügen nicht über die nötigen Ressourcen, um entsprechende Projekte umzusetzen. Hier besteht massiver Aufholbedarf, um die Chancen nutzen zu können, die sich durch KI ergeben.

KI nur für Großkonzerne?

Die Anwendungsgebiete von KI wurden in den letzten Jahren in zunehmend differenzierteren Formen entwickelt. Dadurch ermöglicht sich ein lohnender Einsatz mehr und mehr auch für Non-Tech-Companies. Unternehmen stehen heute vor der Aufgabe, die vorhandenen Potenziale umfassend auszuschöpfen.

Allerdings herrscht in der Öffentlichkeit und auch in vielen Firmen die Ansicht vor, dass KI vor allem für Großkonzerne relevant sei. KI im Mittelstand ist demgegenüber bisher ein Nischenthema – trotz des immensen Potenzials entsprechender Anwendungen für mittelständische Betriebe. Das liegt nicht zuletzt an mangelnder Sensibilität für digitale Themen. Hinzu kommt oftmals eine gewisse Zurückhaltung beim Ausbau personeller Kapazitäten sowie Kompetenzen im Bereich Künstliche Intelligenz.

KI im Mittelstand – warum so zögerlich?

Im November 2018 hat die Bundesregierung ihre Strategie zur Entwicklung und Anwendung von KI veröffentlicht. Unter anderem sollen bis 2025 öffentliche Gelder in Höhe von drei Milliarden Euro in KI-Forschungszentren und KI-Anwendungen in der Wirtschaft fließen. Im internationalen Vergleich kommt diese Initiative spät: Länder wie China und die USA sind im Hinblick auf KI-Anwendungen deutlich weiter.

KI im Mittelstand spielt in Deutschland bisher so gut wie keine Rolle. Eine Studie der Unternehmensberatung pwc aus dem Jahr 2018 mit 500 Entscheidungsträgern aus der Privatwirtschaft weist aus, dass KI zum Zeitpunkt der Erhebung nur in 4 Prozent der Unternehmen zum Einsatz kam. Weitere 2 Prozent waren dabei, KI-Anwendungen zu implementieren. Entsprechende Planungen oder Tests haben 17 Prozent der Befragten angegeben. 28 Prozent der Befragten hielten KI zwar für bedeutsam, wollen entsprechende Technologien jedoch nicht im eigenen Unternehmen nutzen.

Besonders bedenklich war, dass 48 Prozent der Studienteilnehmer meinten, dass KI für das eigene Unternehmen keine Relevanz besäße. Eine derart am Rande liegende Position von KI im Mittelstand könnte perspektivisch dazu führen, dass viele Firmen einen Teil ihrer Wettbewerbsfähigkeit einbüßen. Optimistischer sind die Ergebnisse einer Deloitte-Studie zu „KI im Mittelstand“, die im Oktober und November 2020 erhoben wurde. Dazu wurden 307 Führungskräfte aus mittelständischen Betrieben befragt. Zwar wird dem deutschen Mittelstand auch in dieser Erhebung KI-Nachholbedarf attestiert: 30 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass KI für den Mittelstand allenfalls mittlere Relevanz besitzt, 34 Prozent messen ihr kaum Bedeutung zu. Allerdings sind 59 Prozent von ihnen auch der Ansicht, dass die Relevanz von KI in Zukunft deutlich wachsen wird.

Digitale Reife wirkt sich positiv auf KI im Mittelstand aus

Ausschlaggebend für die Relevanz von KI im Mittelstand ist laut Deloitte die digitale Reife der befragten Unternehmen. Firmen mit hohem Digitalisierungsgrad stehen auch der Anwendung von KI offener gegenüber. Zu den wesentlichen Ergebnissen der Studie zählt, dass die Unternehmen zu 86 Prozent angeben, KI sei für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle von Bedeutung. In den anderen beiden Gruppen (Unternehmen mit mittlerer oder geringer digitaler Reife) bescheinigen nur jeweils rund 40 Prozent der Befragten KI-Anwendungen das damit verbundene Potenzial.

Der „Digitalisierungsindex Mittelstand“ weist in seiner aktuellen Ausgabe 2020/2021 aus, dass die digitale Transformation in mittelständischen Unternehmen aktuell maßgeblich durch die Corona-Krise vorangetrieben wird. Der Digitalisierungsgrad in diesen Firmen ist im Vergleich zur vorherigen Erhebung (2018/2019) um zwei Indexpunkte gestiegen. Die Digital Leader erwiesen sich unter den Bedingungen der Pandemie als produktiver und krisenresistenter. Als Konsequenz daraus wollen vier von zehn Betrieben in digitale Technologien investieren. Für viele Firmen gewinnt in diesem Kontext auch der Ausbau von KI an Bedeutung.

Wo wird KI im Mittelstand eingesetzt?

In der Erhebung von pwc wird unter anderem auf mögliche Einsatzfelder für KI im Mittelstand Bezug genommen. Die Teilnehmer der Studie sollten KI-Anwendungen benennen, die in ihren Unternehmen genutzt werden oder die sie als relevant betrachten:

  • 70 % der Befragten halten KI als Grundlage der Datenanalyse bei Entscheidungsprozessen für wichtig.
  • 63 % sind der Ansicht, dass KI die Automatisierung bestehender Geschäftsprozesse unterstützt.
  • 47 % gehen davon aus, dass KI beim Einsatz von Chatbots verwendet werden kann.
  • 44 % meinen, dass KI neue Geschäftsmodelle begründen könnte.
  • 42 % betrachten Speech Processing (die digitale Verarbeitung von Sprachsignalen) als ein relevantes Anwendungsfeld.
  • 39 % geben an, dass KI zum Bestandteil neuer Produkte und Dienstleistungen werden könnte.

Die Deloitte-Studie besagt zudem, dass in mittelständischen Unternehmen kein einheitliches Verständnis von KI besteht. Im Fokus stehen dabei selbstständige Entscheidungen durch Computer oder digitale Routinen, Automatisierung und Prozessoptimierung sowie der Transfer von Intelligenz und Wissen.

Nur 9 Prozent der Befragten geben an, dass es bei KI um die Nutzung von Algorithmen geht und haben damit ein wesentliches Grundprinzip aktueller KI-Anwendungen begriffen. 8 Prozent setzen die Nutzung von KI mit dem generellen Prozess der Digitalisierung gleich. Einen hohen digitalen Reifegrad attestieren sich nur 22 Prozent der Unternehmen. Regelbasierte Systeme, Machine Learning und Deep Learning werden als relevante Technologien betrachtet.

Vorteile von KI sehen die für die Deloitte-Studie befragten Unternehmen vor allem im „Teamplay von Menschen und Maschine“, in der Automatisierung und Beschleunigung von Prozessen sowie der effizienten Datennutzung. Unternehmen mit hohem digitalem Reifegrad setzen identische Prioritäten, führen aber auch die Bedeutung von KI für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle an.

KI-Einsatzfelder entlang der gesamten Wertschöpfungskette

De facto ist KI in der Lage, Wertschöpfungsprozesse umfassend in unterschiedlichen Handlungsfeldern und unternehmensübergreifend zu optimieren. Künstliche Intelligenz ist für die Gestaltung von Produktion, Lieferketten, Logistiksystemen, aber auch im

Kundenmanagement und für die Erbringung personalisierter Serviceleistungen von Bedeutung.

Die beiden angeführten Studien von pwc und Deloitte zeigen, dass die Unternehmen sich der Potenziale von KI noch längst nicht vollständig bewusst sind – und selbst wenn, es oftmals an nötigem Know-how fehlt, eine auf die eigenen Geschäftsfelder zugeschnittene Strategie zur Implementierung KI-gestützter Systeme zu entwickeln. Industrie 4.0 – autonome Interaktionen von Maschinen untereinander sowie zwischen Menschen und Maschinen und sich selbst steuernde Produktionsprozesse. Dieses Einsatzgebiet ist für die Studienteilnehmer aus dem Mittelstand von besonderer Bedeutung. Mit der Frage, wie eine Smart Factory funktioniert und wie sie sich in der Praxis etablieren lässt, müssen sich produzierende Firmen heute grundsätzlich auseinandersetzen. Zu erwarten ist, dass KI im Mittelstand im ersten Schritt vor allem in der produzierenden Industrie größere Relevanz gewinnt.

KI-basierte Lösungen für den Mittelstand umfassen tendenziell alle produktbezogenen Prozesse – Produktideen und Produktentwicklung, die Beschaffung aller erforderlichen Komponenten, Produktion, Marketing und Vertrieb sowie Kundenservice und Recycling.

Stärker in den Fokus rücken müssen perspektivisch kundenbezogene Anwendungen von KI im Mittelstand zur Realisierung datengetriebener Geschäftsmodelle.

KI im Mittelstand – die größten Herausforderungen

Eine Herausforderung ist für mittelständische Unternehmen unter anderem, dass es an Kompetenzen für KI-Anwendungen und die Nutzung von Big Data mangelt: Wertschöpfungsnetzwerke, in welche externe Partner mit Technologie- und Datenexpertisen eingebunden sind. Hierdurch werden starre, lineare Wertschöpfungsketten aufgebrochen – eine Anforderung, die im Prozess der digitalen Transformation für alle Unternehmensaktivitäten von Bedeutung ist. Weitere Herausforderungen bestehen in fehlerfreier Datenqualität, zuverlässiger Datensicherheit sowie in effektiven Kontroll-, Effizienz- und Compliance-Prozessen.

Für viele Unternehmen im Mittelstand ist es derzeit schwierig, mit KI verbundene Risiken, zu bewerten und in der Praxis damit umzugehen. Auch ethische Überlegungen spielen für die Entscheidungsträger in den Firmen eine Rolle. Hiermit korrespondiert, dass KI im Mittelstand vor allem menschliche Arbeit unterstützen und erleichtern soll. In der pwc-Studie geben 71 Prozent der Befragten ihre Präferenz für diesen Ansatz an, nur 20 Prozent der Studienteilnehmer sind der Ansicht, dass KI im Mittelstand zum Einsatz autonom agierender Digitalsysteme führen sollte.

Potentiale erkennen, Herausforderungen meistern – so wird KI im Mittelstand Realität

Mittelständische Unternehmen stehen beim Einsatz von KI vor Herausforderungen, deren Bewältigung von elementarer Bedeutung für den langfristigen Erhalt ihrer Wettbewerbsfähigkeit ist. Viele Firmen betreten damit aufgrund ihres bisher geringen Digitalisierungsgrades absolutes Neuland.

Die Ergebnisse der aufgeführten Studien zeigen deutlich, dass sich die Unternehmen der damit verbundenen Herausforderungen und der Bedeutung von KI durchaus bewusst sind, aber mehrheitlich noch keine konkreten Schritte in diese Richtung unternehmen.

Hierbei kann es entscheidend sein, die eigenen Potentiale rechtzeitig zu erkennen, strategisch entsprechend zu reagieren und bereits getroffene Maßnahmen weiter zu optimieren und voranzutreiben – durch personellen Ausbau intern und/oder mittels externer Expertenteams.

Staatliche Initiativen zum Transfer von KI-Forschungsergebnissen in die Wirtschaft und zum Abbau von Marktbarrieren setzen die Hürde für einen erfolgreichen Einsatz von KI im Mittelstand immer weiter herab. Zudem kann der Mittelstand auf Informations- und Beratungsangebote sowie auf die Unterstützung durch KI-Consulting spezialisierte Beratungsunternehmen setzen.

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