Können Pflegeroboter die Altenpflege revolutionieren?

von | 21. Dezember 2021 | Grundlagen

In Würde altern? Der Pflegenotstand ist in Deutschland bereits so weit fortgeschritten, dass nicht mehr die optimale Versorgung aller pflegebedürftigen Menschen garantiert werden kann. Die aktuelle Lage in Pflegeeinrichtungen oder Krankenhäusern lässt bei näherem Hinschauen oft erschrecken. Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln sagt Deutschland bis 2035 das Fehlen von bis zu 307.000 Pflegekräften voraus. Aber woher sollen diese Fachkräfte alle kommen? Mögliche Unterstützung könnten Pflegeroboter bieten. Inwiefern kann Robotik das deutsche Gesundheitssystem entlasten, und welche Probleme und Herausforderungen sind dabei zu bedenken?

Aktueller Forschungsstand: Wie können Pflegeroboter die Versorgung pflegebedürftiger Menschen unterstützen?

Die Zentrale Ethikkommission (ZEKO) bei der Bundesärztekammer (BÄK) sieht den Einsatz von Künst­licher Intelligenz (KI) in der Medizin als eine große Chance, die Patientenversorgung stark zu ver­bessern. Tatsächlich gibt es für Künstliche Intelligenz ein großes Feld von Anwendungen im Gesundheitswesen, die zu unserem Wohlbefinden beiträgt, indem sie Patienten, Ärzte, medizinisches Personal, Krankenhausmanager, Arzneimittelhersteller und Wissenschaftler intelligent unterstützt. Eines dieser Anwendungsbeispiele sind Roboter. Im Rahmen diverser kleiner Pilotprojekte sind Pflegeroboter in Deutschland bereits heute in Pflegeeinrichtungen oder Kinderstationen im Krankenhaus zu finden. Japan ist beim Einsatz von Pflegerobotern deutlich weiter, nicht zuletzt aufgrund einer deutlich alternden Bevölkerung. Wie kann Deutschland hinsichtlich des demografischen Wandels von Pflegerobotern profitieren?

Eigentlich sind Roboter im Gesundheitswesen ein „alter Hut“. Seit 1985 gibt es die Idee, Industrieroboter zu Präzisionsmaschinen zu machen, die den Ärzten assistieren, und es gibt heute tatsächlich viele Anwendungen. Mithilfe der künstlichen Intelligenz werden die Roboter jedoch immer autonomer und können die natürlichen Grenzen der menschlichen Ärzte ergänzen. Die wahre Magie kann aber erst dann entstehen, wenn die Roboter so viel lernen, dass sie menschliche Ärzte nicht nur in Bezug auf Präzision und Ausdauer übertreffen, sondern auch in Wissen und Entscheidungsfindung, indem sie das gesamte vorhandene Wissen aus mehreren medizinischen Datenbanken kombinieren. Für die Robotik stehen heute zwei große Anwendungsbereiche hervor. Neben KI-Roboter-gestützte Chirurgie sind dies KI-Pflegeroboter.

Was können Pflegeroboter im Gesundheitsbereich leisten?

Neue Generationen von Robotern werden den Menschen mit einer Vielzahl von teilweise oder voll automatisierten Dienstleistungen unterstützen. Solche flexiblen und mobilen Serviceroboter kooperieren mit Menschen zusammen oder agieren sogar völlig selbstständig. Je nach Modell unterschiedliche Fähigkeiten – sie sorgen für Ablenkung, spielen Musik und fördern Interaktion durch Sprache. Die technischen Helfer erhalten soziale und kognitive Fähigkeiten von Patienten und führen rehabilitierende Maßnahmen aus.

Serviceroboter erinnern an die Einnahme von Medikamenten, ersetzen Spielpartner und minimieren so die Einsamkeit in Pflegeeinrichtungen oder verlängern die Selbstständigkeit zu Hause. Durch die Gesichtserkennung ist es möglich, gezielt Menschen zu erkennen und anzusprechen. Auch beim Monitoring des Gesundheitsstatus oder der Aktivitäten von Pflegebedürftigen, beim Alarmmanagement und Erkennung von Stürzen kann KI unterstützen. In Zukunft könnten aber auch Transporte oder das Heben schwerer Lasten von KI gesteuerten Robotern übernommen werden, um Pflegekräfte effizient zu entlasten. Mithilfe von KI lernen Pflegeroboter die Profile verschiedener Menschen, das bedeutet, sie beobachten visuelle und sprachliche Muster. So sind sie in der Lage, Menschen zu erkennen und ihr Verhalten auf deren Bedürfnisse gezielt anzupassen.

Wie funktioniert ein Pflegeroboter?

Neben Software und künstlichen Intelligenzen besitzen Pflegeroboter je nach individuellem Leistungsspektrum verschiedenen Techniken. Mögliche Bestandteile der technischen Ausrüstung eines Pflegeroboters können sein:

  • Erinnerungsfunktionen
  • Videokameras
  • Sensorsysteme
  • Bewegungssteuerung
  • Sprachsteuerung
  • Reinigungssysteme

Praxisbeispiele zu Robotern in der Pflege

Aktuell laufen in Deutschland verschiedene Pilotprojekte mit Pflegeroboter. Bis dies die Regel in Altenheimen oder Krankenhäusern ist, wird es noch etwas dauern.

Ein Haustier fördert die Gesundheit

Ein Beispiel für Roboter in der Pflege ist die Robbe Paro. Sie wird bei Pilotprojekten in der Seniorenbetreuung eingesetzt und sieht aus wie eine weiße Plüschrobbe. Der therapeutische Roboter simuliert ein Tier und kann Angst, Schlaflosigkeit und Schmerzzustände reduzieren. In medizinischen Einrichtungen sind tierische Begleiter jedoch aus hygienischen Gründen oft nicht erlaubt. Robbe Paro ersetzt die seelische Unterstützung, die Menschen durch Haustiere oder Therapien mit Tieren erfahren können.

Der Pflegeroboter hat eingebaute Sensoren und KI zur Stimmerkennung und ist in Deutschland bereits in über 40 Seniorenheimen im Einsatz. Paro unterstützt außerdem auch auf Krebs- oder Kinderstationen im Krankenhaus und hilft weltweit in über 30 Ländern gegen die Einsamkeit.

Ähnliche Roboter sind auch bereits in Altenpflegeeinrichtungen im Einsatz und helfen bei der Bekämpfung von Personalmangel, sozialer Isolation und Demenz.

Pflegeroboter erkennen Gefahrensituationen

Ein weiteres Beispiel für KI-Pflegeroboter ist „S3“, ein von der deutschen Regierung unterstütztes Projekt mit dem Ziel, ein 3D-Umgebungssensoriksystem für Serviceroboter zu entwickeln. Gemeinsam mit Industriepartnern und Forschungseinrichtungen ein Team von [at] eine KI-basierte Computer-Vision-Technologie entwickelt, die in der Lage ist, Objekte und Personen in der Umgebung zu erkennen und Situationen – wie eine am Boden liegende Person oder verschüttete Flüssigkeiten – zu bewerten. Dadurch wird der Roboter in die Lage versetzt, situationsgerecht einzugreifen. Durch dieses neu trainierte Bilderkennungssystem sind auch weitere Funktionen möglich. Beispielsweise können die Füllstände in Trinkgläsern erkannt werden. Das bietet in der Altenpflege die Möglichkeit, eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme der Pflegebedürftigen sicherzustellen.

Wird der Pflegeroboter das Personal ersetzen?

Die Angst, dass Roboter den Menschen ersetzen könnten, belastet die Diskussion rund um das Thema KI in der Pflege. Diese Sorgen sollte man ernst nehmen, dennoch sollte ein realistischer Blick auf die Situation diese Ängste weitestgehend entkräften. Die europäische Robotikindustrie hat sich darauf verständigt, dass der technische Fortschritt in der Service- und Industrierobotik sich am Wohlergehen des Menschen orientiert. Dies und weitere Punkte hat die Branche in der „Good Work Charta“ zusammengefasst. Die höchste Priorität liegt dabei, dass die Robotik für menschenwürdiges Arbeiten vorgesehen ist und der Roboter dem Menschen assistieren soll – nicht umgekehrt. Dadurch soll monotone und missliebige Arbeit dem Menschen genommen werden. So hat der Mensch mehr Zeit sich sozialen und kreativen Tätigkeiten zu widmen.

Roboter fördern indirekt menschliche Interaktion

Aufgaben, die keine menschlichen Interaktionen mit Patienten erfordern, sind gute Ansatzpunkte, an denen Pflegeroboter hilfreiche Funktionen übernehmen können, ohne dass es menschliche Entbehrungen gibt. Transporte, Botengänge oder Überwachung werden im ersten Schritt die Bereiche sein, die Pflegeroboter in Zukunft übernehmen und dadurch den Pflegesektor entlasten.

Angestellte können durch diese Zeitersparnisse ihre Reserven schonen und sich besser auf Aufgaben konzentrieren, in denen die Menschlichkeit eine zentrale Rolle spielt. So kann die Versorgung von Patienten verbessert werden, ohne dass pflegebedürftige Menschen übermäßig mit Robotern in Interaktion stehen.

Aktuelle Problematiken beim Einsatz von Pflegerobotern

Auch wenn das Argument der Entlastung stark für den Einsatz von Pflegerobotern im deutschen Gesundheitssystem spricht, bringt diese Entwicklung auch Herausforderungen mit sich. In folgenden Bereichen gibt es noch einige Fragen zu klären:

Datenschutz

Damit Roboter Patienten an die Medikamenteneinnahme erinnern können, muss klar gemacht werden, welcher Patienten welcher Medikamente bedarf – der Roboter erhält also Einsicht in die Patientenakte. Der aktuelle Fähigkeitsstand der Robbe Paro ist aber noch durch die deutsche Datenschutzgrundverordnung abgesichert. In Zukunft wird der Datenschutz aber mit zunehmender Intelligenz der Pflegerobotern eine wichtige Rolle spielen.

Kosten

Die Pflege hat in fast allen Ländern mit mangelhaften finanziellen Ressourcen zu kämpfen, da Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen genauso wie andere Unternehmen auch Profit erwirtschaften müssen. Niedrige Löhne für großen körperlichen und seelischen Einsatz der Pfleger, sowie Überlastung und Unterbesetzung sind im Alltag leider die Regel. Und auch wenn Pflegeroboter an dieser Stelle entlasten könnten, darf nicht vergessen werden, dass Pflegeroboter ebenfalls Geld kosten.

Je nach Roboter sind die finanziellen Aufwände verschieden – die Robo-Robbe Paro kostet ungefähr 5000 Euro, was Kosten für die Schulungen der Mitarbeiter und technische Erneuerungen aber nicht miteinschließt. Die deutschen Krankenkassen übernehmen die Kosten nur selten, oft werden Pflegeroboter deswegen von Spenden finanziert. Langfristig können sich die einmaligen Investitionen gegenüber fortlaufenden Lohnauszahlungen jedoch rentieren, im finanziellen und sozialen Sinne.

Ethik

Ist es ethisch korrekt pflegebedürftige Menschen mit Robotern zu konfrontieren und können diese Patienten noch eine informierte Entscheidung treffen? Es sollte kritisch betrachtet werden, in welchem Maß Betroffene im direkten Kontakt zu Robotern stehen. Beispielsweise ist die interpersonale Vertrauensbasis mit einem Pflegeroboter nicht unbedingt vorhanden. Pflegefachkräfte haben hier mehr die Chance mit pflegebedürftigen Menschen auf einer emotionalen Ebene zu interagieren, wodurch zurückhaltende oder verschlossene Menschen die Möglichkeit haben sich zu öffnen und eine Beziehung aufzubauen.

Essenziell ist, dass der Einsatz von Robotern dem Ziel dient, den Menschen in den Mittelpunkt zu rücken. Ziel ist es nicht die menschliche Pflegekraft zu ersetzen, sondern diese zu entlasten und unterstützen. Ansonsten könnte der Eindruck entstehen, dass älteren und pflegebedürftigen Menschen eine verminderte Wertigkeit entgegengebracht wird. Wärme und Zuwendung können aber speziell durch die entlastende Funktion von Robotern gefördert werden, da durch die Unterstützung mehr Zeit für Pflegekräfte und deswegen auch Menschlichkeit entsteht.

Versicherung

Eine weitere Frage, die aufkommt: Wer ist für die Handlungen der Roboter verantwortlich, wenn sie durch KI gesteuert oder unterstützt werden? Ist ein Roboter ein Individuum, das selbst versichert sein muss? Ist das möglich? Und wer haftet im Falle eines Problems mit den technischen Helfern?

Beim aktuellen Fähigkeitsstand der in Deutschland eingesetzten Roboter gibt es darauf eine eindeutige Antwort: Die Produzenten sind haftend. In Zukunft könnte sich diese Antwort durch weiter fortgeschrittene künstliche Intelligenzen jedoch verändern.

Wohin geht die Reise?

Die Zukunft der Pflegeroboter hängt direkt von der Entwicklung der KI-Branche ab. Für den Einsatz von komplexeren künstlichen Intelligenzen gibt es noch viele Hürden, vor allem im Bereich der fehlenden Rechtsprechung und Datenschutzregelung. Genau die KI-Pflegeroboter, für welche es diese Richtlinien braucht, könnten aber zu einer deutlichen Entlastung im Pflegesystem führen.

Aktuell, befinden sich die meisten Entwicklungen noch in der Test- oder Prototyp-Phase. KI sollte jetzt auf einer breiten Basis in unser Gesundheitssystem eingebunden werden, damit die Technologie Hand in Hand mit dem Gesundheitspersonal zusammenarbeiten und dieses entsprechend schulen kann. Es liegt an uns, die Zukunft zu gestalten. Frei werdende Ressourcen beim Pflegepersonal können mit der Unterstützung durch Pflegeroboter mehr Zeit für die wirkliche Pflege der Patienten verwenden. Wenn Maschinen analytische Aufgaben übernehmen, können wir uns als Menschen noch mehr auf die Bereiche konzentrieren, in denen wir den Maschinen überlegen sind: Einfühlungsvermögen und Mitgefühl. Wenn es uns gelingt, mehr dieser menschlichen Qualitäten in den Gesundheitssektor bringen, entschärfen wir die Pflege-Krise der nächsten Jahre und schaffen eine neue Form an Pflegequalität. Dann ist die KI definitiv ein echter Gewinn für das Gesundheitswesen.

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